Kurzschaftprothese: Warum derselbe Schaft nicht in jeder Hüfte gleich sitzt
Kurzschaftprothesen sollen möglichst viel gesunden Knochen erhalten und die natürliche Anatomie der Hüfte berücksichtigen. Doch „Kurzschaft“ bedeutet nicht automatisch, dass das Implantat bei jedem Patienten auf dieselbe Weise eingesetzt und verankert wird.
Eine im September 2026 veröffentlichte Studie zeigt erneut, wie stark die individuelle Anatomie des Oberschenkelknochens die spätere Position und Fixation eines calcar-geführten Kurzschaftes beeinflussen kann. Das ist für die präoperative Planung ebenso relevant wie für die Rekonstruktion von Beinlänge, Offset und Hüftmechanik.
Metaphysär oder stärker diaphysär – was bedeutet das?
Kalkar-geführte Kurzschäfte werden entlang des inneren Schenkelhalses und des sogenannten Calcar femorale positioniert. Abhängig von der Anatomie und der operativen Technik kann sich der Schaft vorwiegend im oberen, gelenknahen Abschnitt des Oberschenkelknochens abstützen. Dies wird als metaphysär dominierte Fixation bezeichnet.
Bei einer anderen Positionierung kann der Kontakt weiter nach distal reichen. Dann entsteht eine stärker diaphysär dominierte Verankerung.
Beide Varianten können mit demselben Implantat auftreten. Entscheidend ist deshalb nicht nur, welcher Prothesentyp verwendet wird, sondern auch, wie der Schaft innerhalb des individuellen Femurs positioniert und fixiert wird.
Was zeigt die neue Studie?
Sonoda und Kollegen untersuchten 62 Hüftoperationen mit einem kalkar-geführten Kurzschaft. Sämtliche Eingriffe waren vor der Operation dreidimensional so geplant worden, dass eine metaphysär dominierte Fixation erreicht werden sollte.
Nach der Operation zeigte sich jedoch:
- Bei 43 Hüften entsprach die Fixation dem metaphysär dominierten Plan.
- Bei 19 Hüften entstand eine stärker diaphysär dominierte Verankerung.
Als wesentliche Einflussfaktoren identifizierten die Autoren eine vergleichsweise tiefe Planung des Kurzschaftes und einen größeren CCD- beziehungsweise Schenkelhals-Schaft-Winkel. Vereinfacht ausgedrückt: Bestimmte anatomische Voraussetzungen machten es wahrscheinlicher, dass sich die tatsächliche Fixation von der ursprünglich geplanten Position unterschied.
Warum ist die individuelle Positionierung so wichtig?
Die Position eines Kurzschaftes beeinflusst mehrere Ziele der Hüftoperation:
- die Rekonstruktion der Beinlänge,
- den Erhalt oder die Wiederherstellung des femoralen Offsets,
- die Spannung der hüftstabilisierenden Muskulatur,
- die Primärstabilität des Implantats,
- die Belastungsverteilung innerhalb des Oberschenkelknochens.
Eine Kurzschaftprothese darf deshalb nicht allein anhand der Implantatgröße beurteilt werden. Entscheidend ist die dreidimensionale Beziehung zwischen Prothese, Schenkelhals, Calcar, lateraler Kortikalis und Markraum.
Die Kutzner-Klassifikation beschreibt unterschiedliche Fixationsstrategien
Genau an diesem Punkt setzt die wissenschaftlich publizierte Kutzner-Klassifikation an. Sie unterscheidet vier charakteristische Positionierungs- und Fixationsstrategien kalkar-geführter Kurzschäfte.
Die Klassifikation soll nicht lediglich unterschiedliche Röntgenbilder beschreiben. Sie schafft eine gemeinsame Sprache dafür, wie derselbe Kurzschaft abhängig von Anatomie und Operationsstrategie unterschiedlich im proximalen Femur verankert werden kann.
Die neue Studie von Sonoda und Kollegen verwendet zwar eine andere Einteilung und untersucht nicht unmittelbar die Kutzner-Klassifikation. Ihre Ergebnisse unterstützen jedoch das übergeordnete Prinzip: Die Fixation eines kalkar-geführten Kurzschaftes ist variabel und sollte bereits bei der Planung bewusst berücksichtigt werden.
Ist eine möglichst metaphysäre Fixation immer die beste Lösung?
Nicht zwangsläufig. Die geeignete Fixationsstrategie hängt unter anderem von der Form des Oberschenkelknochens, der Knochenqualität, der Schenkelhalsanatomie und den Rekonstruktionszielen ab.
Eine standardisierte Position für sämtliche Patienten wird der anatomischen Vielfalt nicht gerecht. In bestimmten Situationen kann eine stärker diaphysär orientierte Fixation sinnvoll oder unvermeidbar sein. In anderen Fällen sollte geprüft werden, ob ein alternatives Implantat besser zur Anatomie passt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: „Welche Kurzschaftprothese wird verwendet?“ Ebenso wichtig ist: „Welche Positionierungs- und Fixationsstrategie ist für diese Hüfte vorgesehen?“
Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?
Für Patienten unterstreichen die Ergebnisse den Stellenwert einer individuellen Operationsplanung und einer großen Erfahrung des Operateurs mit dem verwendeten Kurzschaftsystem.
Moderne Hüftendoprothetik bedeutet nicht, bei jedem Menschen dasselbe Implantat in derselben Position einzusetzen. Ziel ist vielmehr, die Prothese so an die persönliche Anatomie anzupassen, dass Stabilität, Beinlänge, Offset und Funktion möglichst zuverlässig rekonstruiert werden.
Eine Kurzschaftprothese ist daher kein standardisiertes Produkt „von der Stange“. Ihr Erfolg hängt wesentlich davon ab, wie sorgfältig Implantatwahl, Planung und operative Positionierung zusammenspielen.
MEHR INFORMATIONEN ZU KURZSCHAFTPROTHESEN FINDEN SIE IM ENDOPROTHETICUM RHEIN-MAIN, HIER:
Häufige Fragen
Was ist eine kalkar-geführte Kurzschaftprothese?
Dabei handelt es sich um einen knochenerhaltenden Hüftschaft, dessen Positionierung sich am medialen Schenkelhals und am Calcar femorale orientiert.
Kann derselbe Kurzschaft unterschiedlich eingesetzt werden?
Ja. Abhängig von der Anatomie und der operativen Strategie kann derselbe Implantattyp unterschiedliche Positionen und Fixationsmuster einnehmen.
Ist eine Kurzschaftprothese für jeden Patienten geeignet?
Kurzschäfte können bei vielen Patienten eingesetzt werden. Knochenqualität, Anatomie, Voroperationen und besondere Deformitäten müssen jedoch individuell berücksichtigt werden.
Was beschreibt die Kutzner-Klassifikation?
Die wissenschaftlich publizierte Kutzner-Klassifikation unterscheidet vier typische Fixationsstrategien kalkar-geführter Kurzschäfte. Sie soll Planung, operative Umsetzung und wissenschaftliche Beurteilung dieser Implantate präzisieren.
Wissenschaftliche Quellen
Sonoda K, Kubo Y, Hara T. Preoperative factors associated with alignment change from planned metaphyseal- to diaphyseal-dominant fixation in calcar-guided short-stem total hip arthroplasty. International Orthopaedics. Published online September 18, 2026. doi: 10.1007/s00264-026-07039-z.
Kutzner KP et al. A classification system of calcar-guided short-stem total hip arthroplasty: the Kutzner Classification. Hip International. doi: 10.1177/11207000241286259.

