
Was macht einen guten Hüftspezialisten aus?
7 Kriterien bei der Wahl eines Experten für Hüftprothesen
Wer eine Hüftprothese benötigt, steht irgendwann vor einer ganz praktischen Frage: Wo und von wem lasse ich mich operieren?
Die Antwort ist schwieriger, als sie zunächst erscheint. Im Internet finden sich zahlreiche Begriffe wie Hüftspezialist, Hüftexperte, Endoprothetikzentrum oder Spezialist für Hüftprothesen. Doch woran können Patienten tatsächlich erkennen, ob ein Arzt über besondere Erfahrung in der Hüftendoprothetik verfügt?
Aus meiner Sicht gibt es einige Kriterien, die bei dieser Entscheidung helfen können.
Dabei geht es nicht darum, den „besten Hüftchirurgen“ zu finden. Medizinische Qualität lässt sich nicht seriös in einer Rangliste abbilden. Entscheidend ist vielmehr, einen Spezialisten zu finden, dessen Erfahrung und Behandlungskonzept zur eigenen Situation passen.
1. Hüftendoprothetik sollte ein echter Schwerpunkt sein
Eine Hüftprothese gehört zu den erfolgreichsten Operationen der modernen Orthopädie. Gleichzeitig ist der Eingriff anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Jede Hüfte ist anders.
Anatomie, Knochenqualität, Schenkelhalsgeometrie, Beinlänge, Offset, Muskulatur und Aktivitätsniveau unterscheiden sich von Patient zu Patient. Hinzu kommen besondere Situationen wie Hüftdysplasie, Fehlstellungen oder vorausgegangene Operationen.
Wer einen Hüftspezialisten sucht, sollte deshalb darauf achten, ob Hüftendoprothetik tatsächlich einen wesentlichen Teil seiner klinischen Tätigkeit ausmacht.
Spezialisierung bedeutet nicht nur, viele Operationen durchzuführen. Sie bedeutet auch, unterschiedliche anatomische Situationen zu kennen, Probleme frühzeitig zu erkennen und verschiedene Lösungen anbieten zu können.
2. Nicht jeder Patient braucht dieselbe Hüftprothese
Es gibt nicht die eine „beste Hüftprothese“.
Für einen 48-jährigen sportlich aktiven Patienten können andere Überlegungen wichtig sein als für eine 85-jährige Patientin mit eingeschränkter Knochenqualität.
Zur modernen Hüftendoprothetik gehören deshalb unterschiedliche Konzepte:
- Kurzschaftprothesen und Standardschäfte
- zementfreie und zementierte Verankerung
- unterschiedliche Pfannen- und Gleitpaarungskonzepte
- verschiedene Möglichkeiten der Rekonstruktion der individuellen Anatomie
Ein guter Hüftspezialist sollte erklären können, warum er für einen bestimmten Patienten ein bestimmtes Implantat empfiehlt.
Mein eigener Grundsatz lautet:
Nicht der Patient sollte an die Prothese angepasst werden. Die Prothese sollte möglichst gut zum Patienten passen.
3. Minimalinvasiv bedeutet mehr als einen kleinen Hautschnitt
Viele Patienten suchen heute gezielt nach einer minimalinvasiven Hüftprothese.
Dabei entsteht manchmal der Eindruck, die Länge der später sichtbaren Narbe sei das entscheidende Qualitätsmerkmal.
Das greift zu kurz.
Entscheidend ist vielmehr, was unter der Haut geschieht. Ziel einer muskelschonenden Operationstechnik sollte es sein, Muskeln und andere Weichteile möglichst wenig zu traumatisieren und gleichzeitig eine präzise Implantation zu ermöglichen.
Ein möglichst kleiner Schnitt ist schön. Eine korrekt positionierte und stabil verankerte Hüftprothese ist wichtiger.
Deshalb sollte die Frage nicht nur lauten:
„Wie groß ist der Schnitt?“
Sondern auch:
„Wie werden Muskeln und Weichteile geschont und wie wird gleichzeitig eine präzise Implantation sichergestellt?“
4. Die Position der Implantate ist entscheidend
Bei einer Hüftprothese werden vereinfacht zwei Komponenten implantiert: eine Pfannenkomponente im Becken und ein Schaft im Oberschenkelknochen.
Die Auswahl des Implantats allein entscheidet noch nicht über das Ergebnis.
Mindestens ebenso wichtig ist seine Position.
Bei modernen calcar-geführten Kurzschaftprothesen beschäftige ich mich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Frage, wie sich unterschiedliche anatomische Voraussetzungen auf die Positionierung und Verankerung des Schaftes auswirken.
Daraus entstand unter anderem die wissenschaftlich publizierte Kutzner Classification, die unterschiedliche Fixationsstrategien calcar-geführter Kurzschaftprothesen beschreibt.
Der entscheidende Gedanke dahinter reicht aber über die Kurzschaftprothese hinaus:
Moderne Hüftendoprothetik sollte die individuelle Anatomie des Patienten berücksichtigen.
5. Wissenschaft und operative Erfahrung sollten zusammenkommen
Wissenschaftliche Publikationen machen allein noch keinen guten Operateur.
Umgekehrt sollte moderne Medizin aber auch nicht ausschließlich nach dem Prinzip funktionieren: „Das habe ich schon immer so gemacht.“
Für mich gehören deshalb drei Dinge zusammen:
Evidence – Experience – Individualisation
Was zeigen wissenschaftliche Daten?
Was zeigt die klinische und operative Erfahrung?
Und was bedeutet beides für den einzelnen Patienten vor mir?
Gerade in der Hüftendoprothetik verändern sich Implantate, Operationstechniken und Behandlungskonzepte kontinuierlich. Eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit dem eigenen Spezialgebiet hilft dabei, neue Entwicklungen kritisch einzuordnen.
Nicht alles, was neu ist, ist automatisch besser.
Aber auch nicht alles, was seit Jahrzehnten gemacht wird, muss für jeden Patienten die beste Lösung sein.
6. Ein Hüftspezialist sollte nicht nur operieren können
Vielleicht ist dies sogar einer der wichtigsten Punkte.
Wer sich bei einem Hüftspezialisten vorstellt, sollte nicht automatisch mit einem Operationstermin nach Hause gehen.
Ein Röntgenbild allein stellt keine Operationsindikation.
Entscheidend sind Beschwerden, Einschränkungen der Lebensqualität, klinischer Befund, Bildgebung und die Frage, welche konservativen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft wurden.
Manchmal lautet die richtige Empfehlung:
Noch nicht operieren.
Gerade deshalb kann eine spezialisierte Zweitmeinung sinnvoll sein. Sie sollte nicht nur beantworten, wie operiert werden könnte, sondern zunächst die viel wichtigere Frage:
Ist jetzt überhaupt der richtige Zeitpunkt für eine Hüftprothese?
7. Die Behandlung endet nicht mit der Operation
Eine moderne Hüftprothese sollte nicht als isolierter operativer Eingriff betrachtet werden.
Vorbereitung, Operation, Schmerztherapie, frühe Mobilisation, Physiotherapie, Rehabilitation und Nachsorge greifen ineinander.
Fast-Track-Konzepte und minimalinvasive Operationstechniken haben dazu geführt, dass Patienten heute häufig erstaunlich schnell wieder mobil werden können.
Bei geeigneten Patienten kann eine Hüftprothese inzwischen sogar ambulant oder mit sehr kurzem stationären Aufenthalt durchgeführt werden.
Das Ziel darf jedoch niemals lauten, einen Patienten möglichst schnell aus der Klinik zu entlassen.
Das Ziel lautet:
so wenig Belastung wie möglich – aber so viel Sicherheit wie nötig.
Welche Fragen sollte ich einem Hüftspezialisten stellen?
Vor einer Hüftoperation dürfen Patienten durchaus kritisch nachfragen.
Zum Beispiel:
Ist eine Hüftprothese bei mir wirklich schon notwendig?
Welche Alternativen habe ich noch?
Welches Implantat empfehlen Sie mir – und warum?
Kommt für mich eine Kurzschaftprothese infrage?
Wird die Prothese zementiert oder zementfrei verankert?
Welches minimalinvasive Operationsverfahren verwenden Sie?
Wie wird meine individuelle Anatomie bei der Planung berücksichtigt?
Wie sieht die Rehabilitation nach der Operation aus?
Ein guter Spezialist sollte solche Fragen nicht als störend empfinden.
Im Gegenteil: Ein Patient sollte verstehen, warum eine bestimmte Behandlung empfohlen wird.
Wann sollte man eine Zweitmeinung einholen?
Eine zweite Meinung kann besonders sinnvoll sein, wenn Unsicherheit darüber besteht, ob eine Operation bereits notwendig ist oder welches Verfahren eingesetzt werden sollte.
Das gilt beispielsweise für jüngere Patienten, Menschen mit ungewöhnlicher Anatomie oder Hüftdysplasie sowie Patienten, denen unterschiedliche Implantat- oder Operationskonzepte empfohlen wurden.
Auch die Aussage „Sie sind noch zu jung für eine Hüftprothese“ kann Anlass sein, die individuelle Situation noch einmal differenziert beurteilen zu lassen.
Alter allein ist weder eine Operationsindikation noch eine Kontraindikation.
Entscheidend ist der Mensch hinter dem Röntgenbild.
Mein Verständnis moderner Hüftendoprothetik
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren klinisch und wissenschaftlich intensiv mit der Hüftendoprothetik.
Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf knochensparenden Kurzschaftprothesen, minimalinvasiven Operationsverfahren und der individualisierten Positionierung von Hüftimplantaten.
Meine wissenschaftliche Arbeit zu calcar-geführten Kurzschaftprothesen umfasst unter anderem Untersuchungen zur individualisierten Schaftpositionierung, zu klinischen und radiologischen Ergebnissen sowie die Entwicklung der Kutzner Classification unterschiedlicher Fixationsstrategien.
Diese Spezialisierung hat meine Sicht auf Hüftendoprothetik wesentlich geprägt:
Eine gute Hüftprothese ist nicht einfach ein gutes Implantat.
Sie entsteht aus der richtigen Indikation, einem geeigneten Implantat, einer möglichst schonenden Operation, einer präzisen Positionierung und einem Behandlungskonzept, das zum einzelnen Patienten passt.
Genau darin liegt für mich der Kern moderner Hüftendoprothetik.
Über Prof. Dr. med. Karl Philipp Kutzner
Prof. Dr. med. Karl Philipp Kutzner ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit klinischem und wissenschaftlichem Schwerpunkt in der Hüft- und Knieendoprothetik.
Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der modernen Hüftendoprothetik, calcar-geführten Kurzschaftprothesen, minimalinvasiven Operationsverfahren und der individualisierten Implantatpositionierung.
Er ist Gründer des ENDOPROTHETICUM Rhein-Main in Mainz und wissenschaftlich mit dem Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Mainz verbunden.
Mit der wissenschaftlich publizierten Kutzner Classification wurde ein Klassifikationssystem für unterschiedliche Fixationsstrategien bei calcar-geführten Kurzschaftprothesen beschrieben.
Im ENDOPROTHETICUM Rhein-Main werden Patienten mit Erkrankungen von Hüfte und Knie von der spezialisierten Diagnostik und Zweitmeinung über die OP-Planung bis zur Nachbehandlung und Rehabilitation begleitet.

